DAS SPIEL DER MACHT
Seit Menschen gedenken, wird Macht vergeben und aber auch missbraucht. Soweit eine Macht freiwillig vergeben wurde und diese auch nur in diesem Rahmen vom Machthaber benutzt wird, ist es ein gesundes Verhältnis zwischen dem, der die Macht erhalten hat, und denen, die diese verliehen haben. Es werden zwar nicht alle, die in diesem System leben, mit den Machtverhältnissen zufrieden sein, aber das System funktioniert. Doch in dem Moment, in dem diese Macht missbraucht wird und dieses Verhältnis zu Ungunsten derer, die diese Macht verliehen haben, verschoben wird, ist dieses Verhältnis gestört.
Denn Macht zu haben verführt und
Macht macht Lust auf mehr!
Ist Macht sexy?
Soweit keine moralische, ethische Grenze eingehalten wird, wird es zu Übertreibungen, Korruption, Übergriffigkeiten und vielem anderen führen. Diese Machtverschiebungen können sehr unterschiedlich sein, führen aber immer zu Einschränkungen, meist zu Ungunsten derer, die die Macht vergeben haben. Meist fängt es mit dem Gefühl an, die Freiheit und die freie Meinungsäußerung verloren zu haben, und kann dann im extremsten Fall in einer für fast jeden irgendwie lebensbedrohlichen Lage enden.
Versuchen wir doch mal, einen Machthaber zu verstehen.
Durch die Angst vor dem Machtverlust entsteht ein starker Drang, den Machterhalt durch alle möglichen Mittel zu festigen. Jedes mögliche Mittel wird verwendet und die Grenze liegt nur im persönlichen Ermessen des Machthabers. So werden dann Menschenleben empathielos aufs Spiel gesetzt. Von einem Schreibtisch aus mit Dekreten, Gesetzen oder Anordnungen seine Macht auszuspielen, schafft die nicht nur örtliche Entfernung zu den dadurch leidenden Menschen. Ebenso wird diese Position nicht dazu beitragen, zu spüren, dass man mit der Macht auch eine Verantwortung für die trägt, die einem die Macht über sich gegeben haben. Kommt nicht am Ende jeder Herrscher eines größeren Volkes einmal an den Punkt und in das Dilemma, Entscheidungen treffen zu müssen, die wie Pest und Cholera keine zufriedenstellende Lösung ermöglichen? D. h., immer wird ein Teil seines Volkes nicht zufriedenzustellen sein oder sogar unter seiner Herrschaft leiden. Er wird sich in jeder Hinsicht mehr um die Belange des “ganzen” Volkes kümmern müssen und kann keine Rücksicht auf Einzelschicksale oder kleinere Gruppen nehmen. Das würde sogar keinen Sinn ergeben, da er so seiner Aufgabe nicht mehr gerecht werden könnte.
Diese Situation hat auch ein CEO eines großen Unternehmens.
In der Wirtschaft ist es meist das Geld, das Machtkraft verleiht. In der Politik kann es darüber hinaus auch die Kontrolle über Machtorgane sein. Auch die Möglichkeit, Massen zu mobilisieren und zu organisieren, oder eine Führungsgewalt durch Militär oder Polizei wird in diesem Rahmen oft genutzt und die Macht über die Meinungshoheit durch die Medien hinterlässt im Volk meist eine starke Wirkung.
Eigentlich hat das Volk, die Konsumenten, durch ihre Masse eine Machtkraft, doch diese wird durch ihre Manipulierbarkeit und Meinungsvielfalt sehr geschwächt und von Machthabenden eher sogar missbraucht und ausgenutzt. Andererseits können kleine Gruppen von Machteliten mit der Wirkung ihrer Geldmacht aber auch durch andere Wirkkräfte wie die erpressende Wirkung auf die Preisstabilität, den Arbeitsmarkt oder andere Manipulationen des Wirtschafts- und Arbeitsraums gegenüber der Politik und auch den Konsumenten Macht ausüben. Es gibt aber auch Gesellschaftssysteme, in denen umgekehrt der politische Machthaber die Wirtschaft unterdrückt, beherrscht und ihr seinen Willen durch Machtübernahme der wirtschaftlichen Bereiche aufzwingt.
Die Mechanismen sind vielfältig. So muss man natürlich auch die Macht des Wissens oder der Wissenschaft und durch Innovation, Anpassungsfähigkeit, Wandlungsfähigkeit geschaffene Vorteile berücksichtigen. Wer dieses Potenzial erkennt und dieses dann als ein Machtwerkzeug nutzt, schafft sich so einen starken Machthebel.
Die Macht der Medien wird im Moment immer sichtbarer missbraucht. Die Manipulation wurde durch die Sozialen Medien immer stärker. Immer mehr Menschen kommunizieren über diese Wege täglich und bemerken nicht, wie sie manipuliert und missbraucht werden. Sie glauben, sich so ihre Meinung bilden zu können, und treffen auf Lügen, verdrehte Tatsachen, und vieles mehr. Wer die größten Verbreitungskanäle beherrscht, erhält hier eine unglaubliche Macht über die Meinungshoheit. Das können natürlich Machthaber gegenüber ihren eigenen Bürgern, aber auch gegenüber Bürgern anderer Länder, nutzen, um Meinungen zu verbreiten und ganze Gesellschaftsgruppen für sich zu gewinnen oder dadurch gegen Gegner aufzubringen.
In welchem Bereich auch immer, die Mittel und Mechanismen ähneln sich meist. Korruption, Missbrauch, Lügen, Skrupellosigkeit, Einschüchterung, Gier, Verbreiten von Hass, Verfolgung der Gegner, Angst und Schrecken verbreiten, um so ein Aufbegehren der Bevölkerung zu unterdrücken.
In Unternehmen wird dabei eher zu subtileren Mitteln gegriffen. Aber auch hier kann es über Mobbing, Übergriffigkeiten und unfairen Verhaltensformen zwischen den Hierarchien des Unternehmens und das Verstärken und Ausspielen von Abhängigkeitsverhältnissen zu jeglicher Art von Machtmissbrauch kommen.
Eigentlich sollte sich die Funktion eines Vorgesetzten in einer Balance zwischen Führung und einer sozialen Einfühlsamkeit und einem Verständnis für Zusammenhänge abspielen. Sobald diese Position nur als Möglichkeit angesehen wird, sein Machtpotenzial auszuschöpfen, und die Abhängigkeit eines Untergebenen nur noch dafür genutzt wird, sich selbst als überlegen darzustellen, ist ein klarer Missbrauch zu erkennen. Diese Situation ist für ein gutes Arbeitsklima eher schädlich. Der Glaube, durch Angst und Druck in einem Unternehmen die Leistung der Angestellten erhöhen zu können und jede Schwäche sofort zu bestrafen oder auszunutzen, schafft ein Arbeitsklima, in dem Produktivität eher nur durch Zufall steigen könnte.
Nicht nur die Führung eines Volkes oder eines Unternehmens verleiht Macht. Es gibt sehr viele Bereiche, in denen Machtstrukturen entstehen.
Ein Arzt kann Macht über seine Patienten haben. Eltern über ihre Kinder. Lehrer über Schüler. Junge über alte Menschen und alte über junge Menschen. Männer über Frauen. Geistliche über Gläubige, Vorgesetzte über Untergebene, Gesetzeshüter, Richter, Polizei über Bürger oder Militär über die eigenen Soldaten und natürlich die gegenseitigen Feinde. Nicht zu vergessen die vielen toxischen Beziehungen, die durch das Aufeinandertreffen von friedliebenden Menschen mit psychisch instabilen Persönlichkeiten entstehen. So sind überall Hierarchien vorhanden, die missbraucht werden können. Es sind meist die Stärkeren, die über die Schwächeren ihre Macht ausüben. Aber es können auch bestimmte Vorteile, die zeitweise oder ständig von jemandem genutzt werden, um andere zu unterdrücken, zu diskriminieren oder zu finanziellen oder anderen Leistungen zu zwingen, die eine Macht über diese darstellen. So haben in der Nazizeit viele der deutschen Bürger diese Macht, die sie durch die Verfolgung von Juden, Andersdenkenden und geistig behinderten Menschen über diese hatten, zu zeitweise extremen Übergriffen geführt. Menschen, die selbst unterdrückt wurden oder zumindest keine Macht hatten, reagieren meist übertrieben und leben dann dieses Gefühl von Macht erst einmal exzessiv aus.
Der Missbrauch der Macht wird so nicht nur vom Machthaber genutzt, sondern auch von seinen Untergebenen in seiner Gesellschaftsgruppe. Es ist in den meisten Fällen zu beobachten, ob bei Machthabern von Völkern oder einzelnen Personen, die im Kleinen agieren, dass sie beim Machterhalt danach streben, erst einmal ihre Gegner oder Personen, von denen sie glauben, falsch behandelt worden zu sein, zu bestrafen. Im schlimmsten Fall muss eine Gruppe, die in keinster Weise seine Rachegefühle erzeugt hat, diese Folgen der Wut ausbaden. Das ist in der Menschheitsgeschichte unzählige Male schon so passiert und es wird leider auch immer wieder so geschehen. Bei etlichen wissenschaftlichen Versuchen konnte gezeigt werden, wie schnell Menschen unter einer starken Manipulation bereit sind, am Ende jegliches moralisches und empathisches Verhalten abzulegen.
Auch wenn diese Möglichkeiten für Personen, die in Machtpositionen sind, diese auszunützen und zu erweitern, sehr verführerisch sind, so hat das meist keine wirkliche positive Wirkung auf ihr Leben. So wie beim Besitz immer die Angst mitschwingt, diesen wieder verlieren zu können, ist dies bei Macht genauso vorhanden. Und diese Angst macht nicht glücklich. Das Machtgefühl bildet in einem natürlich eine ganze Menge an Emotionen aus. Man fühlt sich überlegen, bestätigt und manche auch unantastbar. Was irgendwie diese Selbstüberschätzung und die Gefahr, die darin liegt, zum Ausdruck bringt. Doch damit steigt eben auch der Machthunger. Wie in der Fabel vom „Fischer und seiner Frau“ befriedigt die Macht einen nach kurzer Zeit nicht mehr und man möchte noch mehr Macht. Ja, bis man am Ende gerne „Gott“ wäre und spätestens dann wacht man auf oder wird vom Thron gestoßen.
Nach all diesen Gewissheiten, die uns alle seit so vielen Generationen beschäftigen, und der Erkenntnis, dass es in jeder Periode unserer Menschheitsgeschichte eigentlich Machthaber der verschiedensten Arten gab, die auch noch unglaubliches Leid über die Menschheit gebracht haben, wäre es eigentlich zu erwarten, irgendwann in eine Phase zu kommen, in der wir diese Erkenntnis auch einmal als Kollektiv begreifen und dem entgegenhandeln würden. Eigentlich ist es unglaublich, dass es immer wieder Machthabern so einfach gemacht wird und ein naives Vertrauen gegenüber narzisstischen Machtjunkies so mit einer blinden Gefolgschaft diesen zu einer solchen Übermacht verholfen wird. Wenn dann der Schaden entstanden ist, will es keiner gewesen sein. Die Opportunisten haben es immer schon gewusst und um nicht seine Schuld als Gefolgschaft eingestehen zu müssen, wird die gesamte Gesellschaft für diese Blindheit in Haftung genommen.
Eigentlich stellt sich grundsätzlich die Frage, warum es notwendig ist, immer an die Spitze einer Gesellschaftsgruppe oder eines Unternehmens nur eine Person zu stellen. Wäre es nicht viel sinnvoller, diese Aufgabe einer Gruppe von Experten zu übergeben? So würde eine machthungrige Persönlichkeit zumindest etwas ausgebremst und im besten Fall aus der Gruppe entfernt. Da gibt es durchaus schon Beispiele, die zeigen, dass so etwas funktionieren kann. Warum ist aber unsere Gesellschaft, nein, unsere gesamte Menschheit so schwerfällig, sich für sinnvolle neue Konzepte zu öffnen? Im Gegenteil, sie scheint eher wie in einem Dornröschenschlaf von einer Manipulation in die nächste zu schlafwandeln.
Es wäre hilfreich, wenn die Gesellschaft aufwacht und dafür sorgt, dass eben nicht die Personen, die mit Macht nicht umgehen können, doch immer wieder an die Macht kommen. Es sollten zumindest an den wichtigen Stellen Regeln installiert werden, die instabilen Machthungrigen diese Posten verweigern. Jede narzisstische Veranlagung, Empathielosigkeit oder andere auffällige psychische Verhaltensweisen sollten dazu führen, dass eine Person von wichtigen Machtpositionen ferngehalten wird. Es wäre durchaus zu begründen, da es wie ein Selbstschutz der Gesellschaft wäre. Es sollten eine gewisse Demut und ein Bedürfnis, verantwortungsvoll zu handeln, wie auch ein soziales Verständnis in jeder Führungsrolle gefordert werden.
Doch es ist nicht abzusehen, dass sich solche Gedanken in der Gesellschaft durchsetzen können. Eher ist zu erwarten, dass im momentanen gesellschaftlichen Verständnis von einer Führungsperson so wie in früheren Zeiten auch, wenn nicht heute sogar viel mehr, eine gewisse Strahlkraft gefordert wird, dass diese Person sich gut verkaufen kann, und wer, wenn nicht ein Narzisst, besitzt eben genau diese Fähigkeiten.
Blöd gelaufen, Menschheit! Oder wacht Ihr doch endlich mal auf?